Über die Flagge

Das Gebiet der Sprache und ihrer Sprecherschaft hat viele Wechsel in der Geschichte durchgemacht. Auch was den Status betrifft, hat Niedersassisch (Platt, Plattdeutsch, Niederdeutsch, Nedersaksies, Sassisch) unterschiedliche Zeiten gesehen. Bei der Suche nach einer Flagge, die das Niedersassische als Sprache vertreten soll, war es wichtig, danach zu schauen, wo, wann und von wem die Sprache geschnackt worden ist: oder auch praat, küürt, reedt, spraken, vertellt etc. Ein Bestandteilt einer nördlichen Identität ist bei Niedersassisch- und selbst bei Deutschsprechenden in der Region dat Hanseatische. Das rührt von der Geschichte im Norden her, wo die Hanse ihren Ursprung hat und auch die größte Verbreitung.

Verbreitung der Hanse um das Jahr 1400 (Droysen/Andrée (1886): Ausbreitung der Hanse um 1400, CC BY-SA 3.0)

Die Hanse

Hinter diesem Namen steckt eine Handelsgemeinde zwischen Ländern und Städte. Diese Vereinigung bestand vor allem zwischen dem 12. und 17. Jahrhundert. Das Hauptziel war es, die Überfahrt per Schiff sicher zu machen und dass wirtschaftliche Interessen auch auch im Ausland überein kommen konnten. Es sollte ein Bund von niederdeutschen Kaufleuten sein, damit man gemeinsam wachsen kann durch Handel und Politik. Über 300 Städte haben sich zusammengeschlossen, um sichere Handelswege zu bilden und sich zu vernetzen. Diese Kooperation hat viele Städte erst zum Reichtum gebracht. Dies war mitunter die wichtigste Vereinigung zu dieser Zeit in Europa.
Ab dem 17. Jahrhundert ging es bergab mit der Hanse und ihrem Status, aber offiziell ist sie nie aufgelöst worden, sie lebt heute noch als "Neue Hanse" weiter und versteht sich noch immer als enger, Handels-, Kultur- und Politikbund zwischen den Städten. (Klick "hier" um eine interaktive Karte der Hansestädte zu sehen auf der Website der Neuen Hanse.)

Was diesen Hansebund so wichtig für das heutige Niedersassisch macht, ist der Umstand, dass die lingua franca, die Verkehrssprache, der Hanse das Niederdeutsche war; genauer gesagt war es dat Mittelniederdeutsch, später vor allem aus Lübeck. Zu einem großen Teil der Lebenszeit der Hanse ist Mittelniederdeutsch somit als Handelssprache zwischen Kaufleuten aus Riga in Litauen, London in England, Nowgorod in Russland, Bergen in Norwegen, Visby in Schweden, Reval in Estland, un Turku in Finnland genutzt worden. Urkunden, Handelsverträge und mündliche Absprachen waren alle auf Mittelniederdeutsch. Diese Sprache hat all diese Sprachen stark beeinflusst, zum Teil sind sogar über 30 % des Vokabulars in diesen Sprachen (z. B. Dänisch und Schwedisch) direkt aus dem Niederdeutsch übernommen worden. Es gibt Wörterbücher zwischen Russisch und Mittelniederdeutsch aus dieser Zeit und selbst in Estland gibt es noch Gebäude, die richtig niederdeutsche Namen haben, so wie Kiek in de Kök in Reval.
Für den/die moderne/n Niedersassischsprecher/-in wird dieser Zeitabschnitt häufig als die Hochzeit der Sprache betrachtet. Die Hanse stiftet Identität und ist noch immer ein wichtiger Faktor, zum Beispiel in Städtenamen und andere Symbolik.

Hanseatische Erinnerung

Was läge daher ferner, als diese Zeit, ihre Symbolik und ihr Kulturfaktor nicht zu nehmen und als Grundlage zu nutzen für eine Flagge für die niedersassische Sprache. Über Jahrhunderte hinweg gab es schon eine klare Symbolik, daher ist die Übertragung von ihr auf die Gegenwart nicht abwegig.
Eine zentrale Bedeutung war auch die "Hansekogge", eine bestimmte Art von Segelschiff, das man in der Hanse am meisten benutzt hat, für den Handel, den Verkehr oder auch, mit Kanonen bestückt, im Kampf gegen Piraten.

Der Hanseatenwimpel oder -vlögel

Diese Art von Flagge oder Wimpel ist 1270 zuerst genannt worden. Sie heißt Vlögel und ist an der Spitze vom Mast angebracht worden. Damals hatte Hamburg eine ganz rote Hanseatenwindfahne, die man als roden vlugher bezeichnet hat. Und im Jahr 1299 ist erstmals der lübesche vloghel aus Lübeck dokumentiert. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts finden daher die Hansestädte an, ihre eigenen Flaggen auszubauen. Und ihre Farben waren meistens "whyt und rot" (weiß und rot). Aus diesen weiß-roten Flaggen, Wimpeln und Vlögeln kamen häufig auch die heutigen Städteflaggen auf und sind auch ab und zu mit blau und gelb ausgewechselt worden. Auch bei der Gründung des Norddeutschen Bundes 1867 sind die Hansefarben weiß und rot mit den preußischen Farben schwarz und weiß kombiniert worden. Diese Schwarz-Weiß-Rot Flagge war auch später die Flagge des Deutschen Kaiserreichs.

Die Sassenflagg

Deutlich ist daher, die Farben weiß und rot sind sehr typische Farben der Hanse, und sie sind immer noch häufig in den Städteflaggen der Hansestädte in der Gegenwart zu sehen. Eine Ableitung von dieser Symbolik scheint auf der Hand zu liegen:

- Niedersassischsprechende und Norddeutsche nennen sich häufig Hanseatinnen und Hanseaten
– Die Hochzeit des Niedersassischen war zur Zeit der Hanse
– Das engere Gebiet der Hanse passt zum modernen Sprachgebiet
– Die Symbolik der Hanse ist klar und ist einfach zu übertragen

Daher ist der Gedanken zumindest klar, dass sich eine Flagge für das Niedersassische an der Hanse orientieren müsste. Am einfachsten zu übertragen hiervon waren die zwei Farben, weiß und rot. Das, zusammen mit dem zentralen Symbol des Hanseatenwimpels oder dem Vlögel am Mast der Hanseatenkoggen, waren auf so einer Flagge leicht übereinzubringen. So eine Flagge läuft also nicht Gefahr, aktuelle geographische Symbolik als Gebietsanspruch oder Autonomiewünsche anzudeuten, hat keinen extremistischen Hintergrund und hat einen deutlichen Bezug zur Sprache und Region.

Der Name Sassenflagg leitet sich davon af, dass die Sprache auf der einen Seite auf die Sachsen zurückgeht, nicht zu verwechseln mit den Obersachsen heutzutage im Freistaat "Sachsen", und der erste Nachweis der Sprache daher Altsächsisch genannt wird. De (Alt)Sachsen waren keine einheitliche Ethnie, es war ein Stammesverband auf mehreren Gruppen. Aber bis heute noch sieht man, dass diese Bezeichnung das eigentliche Endonym war und stellenweise noch immer ist, sichtbar beim Bundesland Niedersachsen, und die eigenen Sprachbezeichnungen von Nedersaksies in den Niederlanden bis zu Niedersächsisch als Dialektname in Deutschland. Selbst bis ins 19. Jahrhundert hat man noch vereinzelt, z. B. in Hamburg und an anderen Stellen, die eigene Bezeichnung "die sassische Sprache" für Plattdeutsch gefunden, hier sogar ohne dem Zusatz "Nieder-". Die anderen Namen wie "Niederdeutsch" oder "Plattdeutsch" sind auf der anderen Seite nur in Deutschland verbreitet und finden sich nicht in den Niederlanden. Somit gibt es nicht den einen Namen für die Sprache. Der Bestandteil "-deutsch" wird von den meisten nicht als typisch oder heimisch für die Sprache und Menschen betrachtet, hat es ja mit dem Deutschen auch nicht viel zu tun, aber der markanteste Ursprung liegt hier deutlich in der langen Geschichte der Bezeichnung als "Sachsen, Sassisch", auch wenn es heute nicht auf alle Teile der Sprechergruppe zutreffen mag.

Das Sprachgebiet wird auf diese Weise seit langer Zeit in Deutschland als Plattdeutschland bezeichnet. Aber weil die Flagge ausdrücklich alle Regionen der Sprache inkludiert, wird ein Name als Niedersassenland oder besser noch Sassenland empfohlen, um kein Verwechseln mit dem Bundesland "Niedersachsen" zu riskieren.

Das Resultat dieser Überlegungen ist daher die Sassenflagg, auch nach ihren Farben die Weiß-Rote genannt:

Sie hat die Bestandteile weiß #ffffff und rot #cc0000 und den Hanseatenwimpel/vlögel. Die Weiß-Rote-Flagge vereinbart beide Farben so wie damals.

Zudem stimmt sie mit den vexillologischen Regeln nach NAVA überein:
– Sie ist simpel
– Sie benutzt eine bedeutsame Symbolik in Anlehnung an die Hanse
– Sie benutzt nur zwei Basisfarben
– Sie benutzt keine Buchstaben, elaborierte Symbole oder Siegel
– Sie benutzt ein Muster, das keine andere Flage in dieser Form hat

Offizieller Status

Der Bundesrat für Niederdeutsch (BfN) hat 2025 in einer Abstimmung beschlossen, dass er diese Flagge als das offizielle Zeichen für die Sprache, das Gebiet und für die niederdeutsche Sprechergruppe anerkennt. Der BfN ist die offizielle Vertretung der niederdeutschen Sprechergruppe in Deutschland. Somit ist die Sassenflagg als Repräsentation offiziiert und hat nun Geltungswert für die, die sie benutzen wollen. Jedem/Jeder bleibt es daher frei überlassen, ob man sich zu ihr bekennen will, oder nicht. Sie wird auch im offiziellen und politischen Gebrauch durch den BfN als das Symbol der Plattdeutschen/Niedersassischsprechenden eingesetzt.